Die Vorstellung, dass Kakerlakenmilch das nächste große Superfood werden könnte, klingt im ersten Moment nach einem Scherz oder einem dystopischen Science-Fiction-Roman. Tatsächlich geht diese Idee jedoch auf reale, durchaus ernst gemeinte wissenschaftliche Forschungen zurück.
Ob sich die Substanz jemals als alltägliches Lebensmittel durchsetzen wird, ist aus verschiedenen Gründen mehr als fraglich.
Was steckt hinter der „Kakerlakenmilch“?
Nicht jede Kakerlake produziert Milch. Im Fokus der Forscher steht eine ganz bestimmte Art: die Pazifische Schabenart (Diploptera punctata). Im Gegensatz zu den meisten anderen Schaben- oder Insektenarten bringt diese Art keine Eier hervor, sondern gebärt lebend. Um ihre Embryonen während der Trächtigkeit zu ernähren, sondert sie eine nährstoffreiche Flüssigkeit ab. Diese kristallisiert im Verdauungstrakt der Jungtiere zu kleinen Protein-Paketen.
Ein Team internationaler Wissenschaftler (unter anderem vom Institute for Stem Cell Biology and Regenerative Medicine in Indien) analysierte diese Proteinkristalle genauer und stellte erstaunliche Nährwerte fest:
- Enormer Nährstoffgehalt: Die Kristalle gelten als „komplettes Lebensmittel“, da sie Fette, Zucker, Proteine und sämtliche neun essenziellen Aminosäuren enthalten.
- Hohe Energiedichte: Laut Analysen weist die Substanz ein Vielfaches an Energie und Protein auf im Vergleich zu herkömmlicher Kuhmilch (teilweise wird von dem Drei- bis Vierfachen gesprochen).
- „Time-Release“-Effekt: Das Protein soll die Eigenschaft haben, die Nährstoffe nach und nach im Körper freizusetzen, was sie theoretisch für den Muskelaufbau oder als Kraftreserve interessant machen könnte.
Warum es wohl kein Superfood für den Supermarkt wird
Trotz der beeindruckenden Nährwertbilanz sprechen handfeste praktische, wirtschaftliche und ethische Hürden gegen eine Zukunft als Massenprodukt:
- Extrem aufwendige Gewinnung: Um an die Milch zu gelangen, kann man eine Kakerlake nicht einfach „melken“. Die Insekten müssen dafür getötet und die winzigen Kristalle mühsam aus ihrem Mitteldarm präpariert werden. Für eine einzige Tasse der Substanz müsste man schätzungsweise Tausende von Schaben töten. Eine kommerzielle Großproduktion ist auf diesem Weg völlig unwirtschaftlich und unpraktikabel.
- Gigantische Kaloriendichte: Mit schätzungsweise über 700 Kilokalorien pro Tasse wäre das Zeug extrem kalorienreich – für die alltägliche Ernährung oder den Durstlöscher zwischendurch ist das eher ungeeignet und würde rasch zu Übergewicht führen.
- Fehlende Zulassungen und Sicherheitsdaten: Es gibt bislang keinerlei toxikologische Langzeitstudien, die belegen, dass Kakerlakenmilch für den menschlichen Verzehr sicher und unbedenklich ist.
- Der Ekel-Faktor: Selbst wenn es gelänge, die Proteine im Labor biotechnologisch (zum Beispiel mithilfe von Hefekulturen) nachzubauen – woran Forscher theoretisch arbeiten –, dürfte die Marketing-Hürde enorm sein, den Verbrauchern Lebensmittel mit dem Etikett „Kakerlaken-Protein“ schmackhaft zu machen.
Kakerlakenmilch wird daher ein faszinierendes Kuriosum aus der Insektenforschung bleiben. Wenn es um Insekten als zukünftige Nahrungs- und Proteinquelle geht, stehen andere Tiere wie Grillen oder Mehlwürmer – die ganzheitlich verarbeitet werden können – deutlich weiter vorn.